European Payment Index 2011

 

Neue Studie: Summe unbezahlter Forderungen von Europas Unternehmen übersteigt EU-Rettungspaket

23. Mai 2011, Wien – Die Unternehmen in Europa mussten im vergangenen Jahr 312 Milliarden Euro aus unbezahlten Forderungen abschreiben – diese Summe ist höher als das Volumen des EU-Rettungspakets für Griechenland, Irland und Portugal. Allein die österreichischen Unternehmen haben durch nicht bezahlte Forderungen 6,5 Milliarden Euro verloren. Das zeigt der aktuelle „European Payment Index“, eine Umfrage des Kreditmanagement-Unternehmens Intrum Justitia unter rund 6.000 Firmen in 25 europäischen Ländern. Demnach ist die Abschreibungsquote aus unbezahlten Forderungen sowohl europaweit als auch in Österreich gestiegen. Bei der Wahl ihrer Exportpartner sollten österreichische Firmen daher vorsichtig vorgehen.

Die europäischen Unternehmen haben im vergangenen Jahr 312 Milliarden Euro verloren – diese Summe mussten sie aufgrund nicht bezahlter Forderungen abschreiben. Die Summe übersteigt damit sogar das Volumen des EU-Rettungspakets für Griechenland, Irland und Portugal in Höhe von 273 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Jahr 2009 ist der Verlustbetrag der Unternehmen in Europa um vier Prozent gestiegen. 2,7 Prozent aller Forderungen wurden nicht bezahlt – 2009 waren es nur 2,6 Prozent.

„Die Auswirkungen der Finanzkrise sind beim Forderungsmanagement nach wie vor zu spüren. Eine bessere Zahlungsmoral könnte der Wirtschaft in Europa deutlichen Auftrieb verleihen“, sagt Thomas Hutter, Regional Managing Director der Intrum Justitia für die Region Central Europe. „Das sieht man schon daran, dass der Betrag, den Firmen wegen nicht bezahlter Forderungen verlieren, den Umfang des EU-Rettungspakets übersteigt.“ Allein in Österreich haben die Unternehmen im vergangenen Jahr wegen unbeglichener Forderungen rund 6,5 Milliarden Euro verloren.

Die europäischen Unternehmen blicken darüber hinaus überwiegend pessimistisch in die Zukunft, was die Zahlungssicherheit angeht: 32 Prozent der in der Studie befragten Unternehmen in Europa rechnen mit steigenden Kreditrisiken in den nächsten zwölf Monaten – der Anteil derer, die niedrigere Risiken erwarten, ist weniger als halb so groß (14 Prozent). In Österreich ist das Bild ähnlich: Hierzulande rechnen 24 Prozent mit steigenden Zahlungsrisiken, 12 Prozent gehen davon aus, dass die Risiken rückläufig sind.

Im europäischen Vergleich liegt Österreich hinsichtlich der Zahlungsmoral im Mittelfeld. Im vergangenen Jahr wurden 2,3 Prozent aller Forderungen nicht beglichen, 2009 waren es nur 2,0 Prozent. Schaut man sich die prozentuale Veränderung zum Vorjahr an, liegt Österreich mit einem Plus von 15 Prozent dabei aber leider auf Platz 4 – und damit sehr weit vorne. Interessant ist aber auch ein Vergleich Europas größter und drittgrößter Volkswirtschaft, Deutschland und Großbritannien. In Deutschland, einem der wichtigsten Exportpartner der Schweiz, wurden 2,4 Prozent aller Forderungen nicht beglichen. Diese Quote ist damit von 2,6 Prozent im Jahr 2009 gesunken. In Großbritannien dagegen nahmen die Ausfälle stark zu: Sie stiegen von 2,4 Prozent im Jahr 2009 auf 3,2 Prozent – eine Zunahme um ein Drittel.

„Bei Exporten sollten die österreichischen Firmen weiter vorsichtig vorgehen. Denn in vielen Ländern sind die Abschreibungen aus unbezahlten Forderungen um mehr als 10 Prozent gestiegen – vor allem in Griechenland, aber eben auch in Großbritannien“, so Hutter. Neben Deutschland haben sich hinsichtlich der Abschreibungen aus nicht bezahlten Forderungen unter anderem auch die Schweiz, Litauen und Island positiv entwickelt.

Verzögerte Zahlungseingänge machen vielen Unternehmen zu schaffen: 28 Prozent aller Firmen in Europa betrachten sie als Bedrohung für ihre Existenz, nach Ansicht von 45 Prozent verhindern sie Wachstum. In Großbritannien sind es sogar 55 Prozent und 65 Prozent – in Österreich liegen die Anteile bei beiden Aspekten deutlich darunter: Nur 18 Prozent sehen verspätete Zahlungseingänge als existenzgefährdend an, etwa jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) sieht dadurch das Wachstum gefährdet.

Die Zahlungsmoral in Europa hat sich insgesamt verschlechtert: „Der Trend geht auch in der Erholungsphase dahin, Rechnungen so spät wie möglich zu bezahlen, um Liquidität möglichst lange im Unternehmen zu halten“, erklärt Hutter. So dauert es im europäischen Durchschnitt 56 Tage, bis Unternehmen Rechnungen begleichen. Die Unternehmen führen das hauptsächlich auf finanzielle Schwierigkeiten der Geschäftspartner oder absichtlich verspätete Zahlungen zurück. Die öffentliche Hand benötigt für Zahlungen im Schnitt sogar 65 Tage – zwei mehr als im Jahr 2009. Dagegen sind die Verbraucher vergleichsweise schnell: Sie begleichen Rechnungen nach durchschnittlich 40 Tagen.

In Österreich haben sowohl die privaten als auch die öffentlichen Haushalte mehr Zeit als im Jahr 2009 benötigt, um ihre Rechnungen zu bezahlen. So bezahlen die Verbraucher nach durchschnittlich 28 Tagen, das sind drei Tage mehr als im Jahr 2009. Die öffentliche Hand hat im vergangenen Jahr 49 Tage benötigt, und damit im Schnitt sechs Tage mehr als im Jahr zuvor. Die österreichischen Unternehmen haben sich im Schnitt unverändert 38 Tage Zeit gelassen, um Rechnungen zu begleichen.

Obwohl sich die Wirtschaft in großen Teilen Europas gut erholt hat, lassen sich Unternehmen weiterhin viel Zeit für Zahlungen. „Das Europäische Parlament hat im vergangenen Jahr eine Richtlinie zur Bekämpfung von Zahlungsverzug verabschiedet, nach der Unternehmen maximal 30 Tage Zeit zur Rechnungsbegleichung haben dürfen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Unternehmen selbst müssen jedoch ebenfalls handeln und ihr Kredit- und Cash-Flow-Management verbessern“, so Hutter. „Eine verantwortungsbewusste Kreditvergabe ist unerlässlich und sollte für alle Unternehmen in Europa oberste Priorität haben.“

 

Über die Studie „European Payment Index 2011“
Zwischen Januar und März 2011 wurden rund 6.000 Firmen in 25 europäischen Ländern zu Zahlungsrisiken, deren Hintergründen und Entwicklungen befragt. Mit dem „European Payment Index 2011“ veröffentlicht das international tätige Unternehmen die umfangreichste Studie zur Zahlungsmoral in Europa bereits zum siebten Mal. Zusätzlich veröffentlicht die Intrum Justitita den „Risk Index 2011“, der Ergebnisse des „European Payment Index 2011“ für das jeweilige Land vertiefend zusammenfasst. Der „European Payment Index 2011“ und der „Risk Index 2011“ können hier kostenlos angefordert werden.